Das rot-weiß-rotes Springteam ist gut in Aachen angekommen, Verfassungsprüfung und Trainingsspringen verliefen planmäßig – am Mittwoch startet die WM mit dem Zeitspringen. Auch die Para-Dressurreiter sind bereit. Für sie geht es morgen bereits um die ersten Medaillen.
Springen
Die österreichischen Springreiter sind gut in Aachen angekommen und nutzten die beiden Pausentage am Montag und Dienstag zur Akklimatisierung. Völlig unaufgeregt – und damit genau nach Wunsch – verlief die erste Verfassungsprüfung, die allen österreichischen Teampferden beste Fitness attestierte.
Am Dienstag hatte das Großaufgebot von 165 Reiterinnen und Reitern aus 51 Nationen die Gelegenheit, die Pferde beim ersten Trainingsspringen mit den Gegebenheiten im großen Aachener Hauptstadion vertraut zu machen.
Die rot-weiß-roten Cracks zeigten sich fit, motiviert und souverän. „Wir haben natürlich nicht alle Karten auf den Tisch gelegt, so wie die anderen Teams auch nicht. Aber unsere Pferde haben sich mit den Bedingungen hier sehr gut zurechtgefunden“, freut sich Equipechefin Angelika May.
Kühner: „Es ist ein bisschen ein Lotteriespiel“
Nach der großen Hitze der vergangenen Wochen zeigte sich Aachen am Montag und Dienstag von seiner regnerischen Seite. Dem Boden scheint das nicht geschadet zu haben, wie Max Kühner bestätigt: „Wir waren etwas beunruhigt, wie sich der Regen auswirken würde. Aber ich war jetzt der 73. Starter im Warm-up und der Boden war top. Da gab es gar nichts auszusetzen. Das gibt schon mal ein gutes Gefühl.“
Für Kühner, aktuell Nummer 18 der Weltrangliste und damit bester Österreicher, ist es bereits die dritte Teilnahme an Weltmeisterschaften. Nach zwei sechsten Plätzen ist der Wunsch nach einer Einzelmedaille natürlich groß. Doch der Wahl-Tiroler hält die Erwartungshaltung bewusst niedrig.
„Es ist dieses Mal ein bisschen ein Lotteriespiel für mich. Mein Pferd EIC Cooley Jump the Q kann ganz viel, gleichzeitig hat er eine sehr hohe Schwankung. Er ist sehr temperamentvoll und bringt eine tolle Einstellung mit. Aber er lässt sich auch leicht in Wallung versetzen. Es ist jetzt unsere Aufgabe, darauf zu schauen, dass er cool bleibt, damit er sich auf seine Aufgabe fokussieren kann“, so der Olympia-Siebte von Paris 2024.
Rhomberg: „Hier die Olympia-Qualifikation zu schaffen, wäre unser aller Traum“
Olympia – konkret die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles – geht Österreichs Reiterinnen und Reitern bereits jetzt im Kopf herum. „Hier die Olympia-Qualifikation zu schaffen, das wäre unser aller Traum“, gesteht Katharina Rhomberg. Gleichzeitig weiß die Vorarlbergerin, wie schwer es wird, dieses Ziel schon in Aachen zu erreichen. Die besten sieben Nationen der Mannschaftswertung – Gastgeber USA ausgenommen – sichern sich ihr Team-Ticket für Los Angeles.
„Hier treten 31 Mannschaften an, und wir sind ganz sicher nicht in einer Favoritenrolle. Aber wir haben inzwischen schon mehrfach gezeigt, dass wir für Überraschungen gut sein können, wenn die Sterne gut für uns stehen.“
Auch in der Einzelwertung darf Rhomberg auf eine Überraschung hoffen. Zuletzt überzeugte die 33-Jährige in zahlreichen schweren Springen, gewann ihren ersten Grand Prix auf Fünf-Sterne-Niveau und rückte erstmals in die Top 70 der Weltrangliste vor.
In Aachen setzt die Vorarlbergerin auf ihren Olympiapartner Colestus Cambridge, der schon beim Probegalopp im Mai auf dem WM-Gelände starke Leistungen zeigte.
„Ich bin sehr glücklich, dass mir mit Colestus Cambridge und Cuma gleich zwei Championatspferde zur Verfügung stehen, mit denen ich echt gute Chancen habe. Dieses Jahr ist mir die Wahl nicht so schwer gefallen. Colli hat mehr Blut und bringt ein bisschen mehr Energie mit. Er wird eigentlich von Tag zu Tag motivierter und besser, statt müde zu werden. Das wird uns hier helfen. Jetzt freuen wir uns, dass es bald losgeht und die ersten Zuschauer kommen.“
Babanitz: „Die ersten Eindrücke waren atemberaubend“
Obwohl die österreichischen Teamreiterinnen und -reiter mit ihren Pferden schon viel gesehen haben, hat Aachen für alle einen ganz besonderen Zauber. „Die ersten Eindrücke beim Einreiten in diese Arena waren atemberaubend“, sagt Bianca Babanitz.
Die Burgenländerin war bereits 2022 im rot-weiß-roten WM-Aufgebot. Diesmal tritt sie mit dem 13-jährigen niederländischen Wallach I Will Be Famous an.
„Man kann fast keine Worte für die Atmosphäre im großen Stadion finden, aber ich fühle mich sehr wohl da drinnen. Mein Pferd Famous, wie es aussieht, auch. Er sieht sich um, hat durchgeatmet und die Aufgabe ganz in Ruhe und locker absolviert. Ich denke, wir sind gut gerüstet für morgen.“
Babanitz’ Plan für die nächsten Tage: „Wir erledigen Aufgabe für Aufgabe. Jetzt sind wir erst einmal fokussiert aufs Zeitspringen. Ich werde versuchen, eine sehr zügige Runde zu reiten, aber auch nicht zu übertreiben.“
WM-Debütant Koller: „Ich bin einfach nur dankbar“
Zum ersten Mal bei einer WM mit dabei ist Felix Koller. Der U25-Vize-Europameister des Jahres 2018 hat sich nach längerer Durststrecke und mit neuem Pferd zurück in den internationalen Top-Sport gekämpft.
Die Chance, hier in Aachen wieder auf der ganz großen Bühne mitspielen zu dürfen, erfüllt den 29-Jährigen mit großem Stolz – aber auch mit Demut.
„Es ist natürlich ein überwältigendes und überragendes Gefühl, überhaupt einmal in Aachen reiten zu dürfen. Jetzt dann noch bei den Weltmeisterschaften. Das ist eine einzigartige Sache, die sich sicher nicht sehr oft wiederholen wird. Ich bin einfach nur dankbar, dass ich ein Pferd für dieses Level zur Verfügung gestellt bekommen habe und dass ich hier reiten darf.“
Im Stall zeigt sich Koller bodenständig, packt überall mit an und greift auch einmal zur Mistgabel. Im internationalen Spitzensport ist das nicht unbedingt alltäglich, für Koller jedoch selbstverständlich. „Wir haben keinen Pfleger, wir machen das in der Familie intern, jeder hilft etwas mit. Das handhaben wir eigentlich schon seit Jahren so und bis jetzt hat sich dieses Konzept bewährt.“
Obernauer bereit für den Fall der Fälle
Für das gute Gefühl, im Fall der Fälle ein verlässliches Sicherheitsnetz parat zu haben, sorgt Christoph Obernauer. Der Tiroler sprang kurzfristig für den ursprünglich als Ersatzreiter nominierten Dominik Juffinger ein, dessen Pferd vor wenigen Tagen wegen einer akuten Kolik notoperiert werden musste.
Die Rolle des Ersatzreiters kennt Obernauer bereits: Schon 2024 war er bei den Olympischen Spielen von Paris als Backup mit dabei. Sollte es zu einem Einsatz kommen, ist der 38-Jährige bereit. „Mein Pferd ist beim Warm-up super gesprungen, Kleons Renegade fühlt sich sehr wohl auf dem Platz. Ich habe es genossen, es war toll.“
Die Stimmung im Team sei hervorragend: „Alle sind gut drauf und jeder freut sich, dass es endlich losgeht. Ich war ja auch schon bei den Olympischen Spielen 2024 dabei. Paris war sicher ein Highlight, aber Aachen ist eben Aachen.“
Am Mittwoch fällt der Startschuss
Das Zeitspringen am Mittwoch bildet den Auftakt der Einzel- und Mannschaftsentscheidung. Fehler und Zeit werden in Strafpunkte umgerechnet. Der Führende startet mit null Strafpunkten in die nächste Prüfung, alle anderen nehmen die Differenz als Rückstand mit. Am Donnerstag und Freitag geht es in weiteren Runden um die Mannschaftsentscheidung. Am Sonntag, 23. August, wird schließlich der Einzeltitel vergeben.
PARA-DRESSUR
Ausnahmslos grünes Licht bei der Veterinärkontrolle gab es am Dienstag auch für die Pferde des österreichischen Para-Teams. Viel Zeit zur Akklimatisierung bleibt vor allem Pepo Puch, Julia Sciancalepore und Thomas Haller nicht. Bereits am Mittwoch geht es für sie in die erste Medaillenentscheidung. Julia Mitterhuemer folgt am Donnerstag.
Puch betritt in Grade I Neuland
Österreichs Para-Dressur-Aushängeschild Pepo Puch hat in seiner langen Karriere unzählige Medaillen gesammelt, darunter zweimal paralympisches Gold. In Aachen betritt er Neuland. Zum ersten Mal reitet der Steirer ein Championat im Grade I.
„Wir müssen versuchen, die Performance jetzt auch in Grade I einzubringen, was für mich ziemlich neu ist. Ich starte ja erst seit Kurzem in dieser Klasse. Mein gesundheitlicher Zustand hat sich verschlechtert, deshalb wurde ich neu klassifiziert. Jetzt sind es andere Aufgaben und andere Highlights, die du setzen musst. Das braucht ein bisschen Zeit.“
Über seinen Sportpartner Royal Choice sagt Puch: „Mein Pferd ist fast ein Vollblüter. Er ist sehr sensibel, was auf der einen Seite wahnsinnig toll ist, andererseits muss er sehr fein geritten werden, denn er reagiert auf alles. Ein sehr lässiges Pferd!“
Unterstützung bekommt Puch von Dressurreiterin Katharina Haas, die Royal Choice im Training reitet. Die italienische Erfolgstrainerin Laura Conz gibt Tipps vom Boden aus.
Sciancalepore und „Heini“ – ein eingespieltes Team
Für Julia Sciancalepore und ihren langjährigen Sportpartner Heinrich IV ist Grade I gewohntes Terrain. Die beiden sind ein eingespieltes Team, haben gemeinsam schon viel gesehen und erlebt. Das macht sich positiv bemerkbar.
„Heini weiß, was zu tun ist. Die Aufgaben sind seit zehn Jahren die gleichen, also schaffen wir das schon. Beim Handwalking in der Arena war Heini sehr brav. Heute werden wir zum ersten Mal darin trainieren und schauen, wie er es unter dem Sattel findet.“
Haller: „Wir können hier nur gewinnen“
Mit Thomas Haller hat Österreich einen der erfahrensten Para-Dressurreiter im Aufgebot. Seit 19 Jahren ist der 61-jährige Oberösterreicher, der im Grade III antritt, im internationalen Sport dabei. „Das ist meine vierte Weltmeisterschaft, mein zwölftes internationales Championat insgesamt – und Aachen ist natürlich supercool.“
Seine Erwartungshaltung? „Wir können hier nur gewinnen. Mein Pferd Hallers Hermine reite ich erst seit acht Monaten, sie hat überhaupt noch kein Championat gesehen. Deshalb bin ich sehr gespannt, wie es wird – und ein bisschen aufgeregt. Aber ich freue mich riesig darauf.“
Mitterhuemer: „Alleine hier dabei sein zu dürfen, ist einfach ein Wahnsinn“
Am Donnerstag hat schließlich Julia Mitterhuemer ihren ersten großen Auftritt bei der WM – beziehungsweise im österreichischen Championatsteam überhaupt. Die 32-jährige Steirerin aus St. Marein bei Graz hat sich innerhalb weniger Monate in die erste Riege der heimischen Para-Szene geritten. Die Nominierung für das WM-Team kam nach nur fünf Turnieren. Da kann eine solche Kulisse, wie sie in Aachen auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wartet, schon etwas einschüchternd wirken.
„Ich habe mir vergangene Woche die österreichischen Dressurreiterinnen angesehen, die Mädels haben wirklich megacoole Leistungen abgeliefert. Da ist mir kurz mal sehr heiß geworden, weil ich dachte, ich schaffe das nicht. Aber dann rufe ich mir unsere bisherigen Leistungen ins Gedächtnis und denke mir, es wird schon gut gehen.“
Die Grade-IV-Reiterin will den Tag vor ihrem ersten Auftritt bewusst genießen: „Ich möchte einfach alles positiv abspeichern. Eigentlich kann ich gar nicht mehr verlieren, egal was passiert. Alleine hier dabei sein zu dürfen, ist einfach ein Wahnsinn.“
Nur im Team möglich
Bestens unterstützt wird Julia Mitterhuemer von ihrem Ehemann. „Er braucht mich nur anzusehen und weiß genau, wie es mir geht, ob die Nerven halten oder nicht und wann er einspringen muss. Zuhause trainiert er mein Pferd, er managt auf Turnieren alles, er schaut, dass es mir gut geht.“
Großen Rückhalt erfährt die Steirerin auch von ihren Eltern. „Sie haben zu Hause alles im Griff, ich weiß, mein Sohn ist top versorgt und daheim passt alles. Deswegen ist es am Turnier dann auch schon viel leichter für mich.“
So unterschiedlich die Ausgangslagen auch sind – für alle vier österreichischen Para-Dressurreiter beginnt in Aachen nun der Moment, auf den sie lange Zeit hingearbeitet haben.
VORSCHAU: STARTZEITEN AM MITTWOCH, 19. AUGUST
Zeitplan und wichtige Startzeiten der österreichischen Teilnehmer am morgigen Wettkampftag:
SPRINGEN
Zeitspringen – Team- und Einzelwertung
ab 09:30 Uhr: Max Kühner (T), Katharina Rhomberg (V), Felix Koller (OÖ), Bianca Babanitz (B)
PARA-DRESSUR
Para Grand Prix A - Einzelfinale (Medaillenentscheidung)
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